Bereits in meinem letzten Beitrag habe ich davon erzählt, wie sich Reisepläne spontan geändert haben und ich einige Orte meiner Route hinzugefügt habe, die vorab nicht geplant waren. Nun gab es in den letzten Tagen eine recht spontane, große Änderung meiner Pläne –  ich werde den Weihnachtsmonat Dezember mit Freunden und Familie in Deutschland verbringen.

Bis vor Kurzem dachte ich noch, dass ich vor Weihnachten über die San Blas Inseln von Panama City nach Cartagena (Kolumbien) segeln würde, wo ich Silvester verbringe, bevor ich mich auf einen 4-Tages-Trekk zur “Verlorenen Stadt” begebe – aber nun sieht alles anders aus.

Vor ca. zwei Wochen wurde ich nachts von einem furchtbaren Zahnschmerz geweckt, der mir den Schlaf für die verbleibenden dunklen Stunden der Nacht raubte. Dem folgte ein langer und schmerzhafter Besuch beim Zahnarzt in Léon. Nachdem ich mit einer Pferdekutsche zum Wasser gebracht werde und mit einem kleinen Boot das kurze Stück Meer zum Festland überquere, 15 Minuten zu Fuß marschiere, erreiche ich den Nicaraguanischen Chicken Bus, der mich innerhalb von 1,5 Stunden nach Léon bringt. Dort steige ich in ein Taxi und bin in weniger als einer halben Stunde bei einem mir empfohlenen Zahnarzt.

Natürlich stehe ich nun mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Rezeption und keiner spricht Englisch. Ich muss wirklich anfangen mein Spanisch aufzufrischen, schießt es mir erneut durch den Kopf. Dafür ist es aber nun zu spät und ich versuche mich mit Händen, Füßen, ein paar Brocken Spanisch und Google Translate zu verständigen. Nach wenigen Minuten werde ich zu einem Arzt im ersten Stock verwiesen.

Eine Frau im weißen Kittel öffnet die Tür und bittet mich herein. Der Fernseher läuft und in dem kleinen Raum befinden sich zwei Zahnarztstühle, die vor 30 Jahren vermutlich neuem Standard entsprochen haben. Ich setze mich, auf den mir zugewiesenen Stuhl und “halleluja” die Frau spricht ein paar Wörter Englisch. Es stellt sich nun schnell heraus, dass sie die Arzthelferin und Zahnärztin ist und alles in ihrer kleinen Praxis alleine macht.

Um eine Diagnose stellen zu können, erklärt sie mir, benötige sie eine Röntgenaufnahme und da mir nichts anderes übrig bleibt, stimme ich zu. Sie fährt ein seltsames Gerät in den Raum, was mich ein wenig an einen Fön auf einem Gestell erinnert und als sie meinen fragenden Blick erhascht, weist sie darauf hin, dass das das Röntgengerät sei. Wie viel mehr Strahlung das Gerät wohl abgibt im Gegensatz zu einem neuen Röntgengerät in Deutschland, frage ich mich als erstes. Dennoch, nun heißt es, Augen zu, Mund auf und durch. Mir wird immerhin ein Schutzumhang mit einem großen, gelben Smile-Gesicht und blau weißen Streifen umgehangen.

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Dann schiebt sie mir eine kleine Scheibe in den Mund und positioniert meine Finger daneben. Auf diese wird das Bild projiziert. Wow, so hat man früher also Röntgenaufnahmen gemacht – auf einer Weltreise lernt man nie aus.
Ihre Stirn runzelt sich und sie schaut ein wenig beunruhigt als sie mir sagt, dass ich Karies habe, viel davon und dass sie es entfernen muss. Wie kann das sein, frage ich mich, war ich doch noch vor meiner Reise beim Zahnarzt zur Rundumüberprüfung und der sagte mir, dass alles in bester Ordnung sei.

Aber auch dafür ist es jetzt zu spät. Ich begutachte die Instrumente und mir wird flau im Magen.  Auch die blauen “Einweghandschuhe” trägt meine Ärztin schon seit sie mir die Tür geöffnet hat. Ich hoffe sie wechselt sie noch bevor sie mir an den Mund geht. Die Instrumente scheinen länger nicht gereinigt aber all das ist mir egal als ich die riesige Spritze sehe, die sie mir nun für meine lokale Betäubung in den Mund stecken will.
Oh mein Gott……hol mich hier einer raus!

Alles wird gut, beruhige ich mich. Ich frage sie noch, ob es denn lange dauern würde und sie lächelt und verneint. Der Preis wird ebenfalls vorab besprochen, zumal ich auch keine böse Überraschung am Ende erleben möchte. Sie sagt mir, dass die Behandlung pro Zahn US $25 kostet und das Röntgen 300 Cordoba. Das klingt nach einem echten Schnäppchen.

Noch weiß ich nicht, dass ich 3 Stunden auf diesem Stuhl verbringe werde, die gute Ärztin mir fast zwei Zähne entfernt und neu modelliert, zwei Mal meine Betäubung erneuert….der Wahnsinn beginnt. Da es keine Arzthelfer gibt, bohrt sie und saugt alle paar Sekunden mit dem Sauger Spucke aus dem Mund, korrigiert das Licht und erklärt mir in gebrochenem Englisch, was sie gerade macht und wie der Zustand meiner Zähne ist. Nach ca. 10 Minuten klingelt ihr Telefon. Sie entschuldigt sich und geht an ihr Handy. Ist das jetzt ihr ernst?

Als sie wiederkommt, macht sie weiter, wo sie aufgehört hat (immer noch in den gleichen blauen Einweghandschuhen). Weitere 10 Minuten später klopft es an der Tür und wieder entschuldigt sie sich, lässt eine Ärztin rein und erklärt mir, dass sie sich eben Blut abnehmen lässt, für ihre Vorsorgeuntersuchung. Ist das jetzt wirklich ihr ernst?

Entspann dich Julia, rede ich mir wieder und wieder ein. Als sie nun wiederkommt und weitermachen will, immer noch in den gleichen blauen Einweghandschuhen, mit denen sie sich soeben noch Watte auf den Arm gedrückt hat, bitte ich sie – so höflich wie ich es mit offenem Mund und schmerzverzerrtem Gesicht schaffe – ihre Handschuhe zu wechseln. In dem Moment scheint auch sie sich an den Hygiene-Kurs im Studium zu erinnern.

Wir werden zwei weitere Male unterbrochen durch eine neue Patientin, die auf dem Stuhl neben mir Platz nimmt und einen Anruf ihrer Tochter, den sie mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter, bei der Rekonstruktion meines Zahnes, entgegennimmt.
Die Kleine hat gerade einen Milchzahn verloren, erzählt sie mir nach kurzem ganz stolz und  aus irgendeinem Grund freue ich mich mit ihr und hoffe, dass wir bald ein Ende unserer gemeinsamen Reise finden. Gut zweieinhalb Stunden nachdem ich die Praxis betreten habe, beginnen wir nun die Anpassung meiner “neuen Zähne” und nach 30 weiteren Minuten, verlasse ich halbwegs glücklich, mit einem “blauen Auge” davon gekommen zu sein, die Praxis. Ich mache mich auf den Weg zum Busbahnhof nach Somoto.

Der Frieden hält jedoch nur kurze Zeit an, denn nach einem aufregenden Tag im Somoto Canyon und einer holprigen Weiterreise nach Matagalpa werde ich 2 Tage später, morgens mit einem unangenehmen, starken Ziehen im rechten Bauch wach. Mir ist generell seit einigen Tagen nicht so wohl und ich befürchte eine Blinddarmentzündung zu haben. Ich versuche aufzustehen, kann mich aber kaum auf den Beinen halten.
Ich muss hier weg. Ich muss in ein richtiges Krankenhaus versucht mein Verstand mich zu überzeugen.
Mit letzter Kraft schleife ich mich den Berg zur Wäscherei in der Morgenhitze bei 32 Grad hoch, hole meine frische Wäsche, packe und lass mich von einem Taxi zum Busbahnhof bringen, um den Expressbus in die Hauptstadt Managua zu erwischen. Kaum hält das Taxi steht bereits jemand neben mir und brüllt mir Städtenamen entgegen. Ich bejahe “Managua Express” und schon eilt er mit meinem Backpack auf dem Rücken los. Ich habe Schwierigkeiten ihm mit meinen Schmerzen und Kreislaufproblemen zu folgen aber will mein Gepäck auch nicht verlieren. Immerhin habe ich endlich wieder frische Wäsche.
Eine schlimme Busfahrt beginnt und ich verbringe  2,5 Stunden auf mehr oder weniger engem Raum mit meinen Sitznachbarn. Es ist heiß und stickig, mir ist übel und ich bekomme kaum Luft, die Schmerzen werden schlimmer und die schrecklichsten Szenarien spielen sich in meiner Fantasie ab. Ich habe Glück und zu einem späteren Zeitpunkt überlässt mir ein Junge seinen Mittelplatz in der hintersten Reihe des Busses, damit ich mich ausstrecken kann. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schaut mich besorgt an, auch als ich ihn auf Englisch ein bisschen zu laut anflehe mir eine Plastiktüte zu besorgen ( ich sehe in seinen Augen, dass er kein Wort von dem versteht, was ich sage). Hastig steige ich über ihn, um meinen Kopf zur Sicherheit schon einmal aus dem Fenster zu halten. Die Tortur hat ein Ende.
Ich verlasse den Bus, mit vollem Mageninhalt, winke ein Taxi an den Straßenrand und auf geht’s ins Deutsch-Nicaraguanische Krankenhaus (ich dachte, die einzige Chance vielleicht deutsche Standards und deutsche Ärzte zu finden). In der Notaufnahme stellt sich doch dann aber sehr schnell raus, dass beide Hoffnungen vergebens sind.
Eine genaue Beschreibung der darauf folgenden 24 Stunden möchte ich nicht abgeben, zu tief sitzen Erinnerungen an bange Stunden, in runtergekommen Räumen, wo Böden voll Blut und Wände voll undefinierbarer Flüssigkeiten, der Platz ist, an dem ich mit Infusionen im Arm festsitze. Die minimale Hygiene beim Blut abnehmen, Infusion legen, auf Behandlungsstühlen, in Betten und insbesondere auf den öffentlichen Toiletten, deren Wände mit Fäkalien beschmiert sind, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass obwohl keiner meiner direkten Ärzte (und ich hatte einige) Deutsch sprach, haben alle versucht deutschsprachiges Personal zu finden, Englischsprachige Übersetzer organisiert und mit einer Armada an Personal versucht herauszufinden, was mir fehlt und was ich sage, wenn ich versuchte mich zu verständigen.

Letztendlich hatte ich keine Blinddarmentzündung und kann das Krankenhaus am nächsten Tag mit einer Packung Antibiotika verlassen.
Nun ist es wirklich Zeit sich zu erholen und die schrecklichen Erinnerungen an bange Stunden bei Ärzten zu vergessen. Ich würde es mir auf Isla Ometepe richtig gut gehen lassen, beschließe ich beim herauswanken aus dem Krankenhausgebäude.
Nun geht es bergauf….Nach langer Anreise per Bus und Fähre erreiche ich Moyogalpa auf Isla Ometepe. Von dort soll ich einen weiteren 2,5-stündigen Bus nach Mérida nehmen, wo ich eine Unterkunft direkt am See gebucht habe.
In Moyogalpa habe ich dann aber doch noch 45 Minuten Zeit bevor der nächste Bus fährt und so suche ich mir ein Restaurant mit freiem Wlan, um mich das erste Mal seit 1,5 Tagen bei meiner Familie und Freunden zu melden und sie wissen zu lassen, dass ich im Krankenhaus war aber nun auf dem Weg der Besserung bin.
Keine zwei Minuten sitze ich im Wlan-Himmel vor WhatsApp und Facebook, bevor sich zwei Backpacker zu mir setzen und mich fragen, ob auch ich die Insel  wegen den Hurrikane Otto verlasse.
Ich hatte keine Ahnung von was sie sprachen, war ich ja seit Matagalpa vom Internet abgeschnitten.
Die Zwei sind sprachlos und ich auch. Nun kommt also gerade ein Hurrikane auf eine Insel mit 2 Vulkanen  (auf der ich sitze) zu, deren Lavastände bereits angestiegen sind und weshalb Menschen versuchen mit der letzten Fähre (die ihren Betrieb auf unbestimmte Zeit einstellt) die Insel zu verlassen.
Was habe ich eigentlich falsch gemacht? In diesem Moment möchte ich einfach nur noch nach Hause, denn das war  alles ein bisschen viel für mich und ich habe keine Lust mehr. Ich nehme mir fest vor, sobald ich in meiner Unterkunft bin Rückflüge nach Deutschland zu googeln.

Vielleicht könnt ihr verstehen, dass ich meine Reisepläne an dieser Stelle geändert habe.  Aber die Reise ist auch noch lange nicht vorbei. Ich bin aktuell seit dem 2. Dezember in Deutschland und genieße – als alter Weihnachtsnarr – die besinnliche Zeit zu Hause, mit Weihnachtsgebäck, Glühwein und Adventskranz.

Meine Reiselust ist zurück und ich freue mich schon jetzt wieder auf Sonne, Strand und Meer, denn Anfang Januar wird es in Richtung Osten weitergehen – Weltreise Teil 2 kann kommen!