In dem Moment, in dem ich in einem Reiseführer von diesem Ort gelesen habe, wusste ich, dass ich dorthin muss. Ein bisschen Recherche im Internet hat mich dann zu dem Ekoin Tempel geführt, einer von 52 Tempeln in Koya-San (117 Temple insgesamt), in dem Touristen übernachten können. Der Ekoin Temple bietet Besuchern neben Frühstück und Abendessen auch die Möglichkeit an einer Ajikan Meditation, einer Gebets- als auch einer Feuerzeremonie teilzunehmen.

Die Anreise von Kyoto Bahnhof ist bereits ein aufwendiges Unterfangen und als Bahnreisender fährt man mit 4 Bahnen, einer Seilbahn und einem Bus. Letztendlich klingt es jedoch komplizierter als es ist. Sobald der Bahnhof in Namba erreicht ist, ist der restliche Weg quasi unumgänglich und es sind (zumindest als ich dort war) zig andere Touristen auf dem gleichen Pfad gewandelt.

Im Tempel angekommen, beziehe ich meine bescheidene, saubere Unterkunft mit Blick auf den japanischen Garten und die Meditationshalle. Tee und japanisches Teegebäck stehen bereits für mich bereit.

 

Der Mönch erläutert mir den Ablauf erneut:
16:30 Uhr Ajikan Meditation (optional, aber inklusive),
17:30 Uhr Abendessen auf dem Zimmer
19:15 Uhr Nachtspaziergang (optional, Kosten ca. 15 Euro)
Das japanische Bad (Onsen) ist zwischen 18:00-22:00 Uhr geöffnet.

Für den nächsten Morgen:
6:30 Uhr Morgenzeremonie im Haupttemple
7:00 Uhr Feuerzeremonie
7:30 Uhr Frühstück auf dem Zimmer
Das japanische Bad ist zwischen 6:00-9:00 Uhr geöffnet.

Wow, ich bin beeindruckt, es gibt mehr zu erleben als ich dachte. Ich habe zudem alles noch einmal in Printform vorliegen und auch noch weitere Informationen zum Glauben, den Ritualien und dem Nachtspaziergang.

Ich setze mich auf den Boden und bereite mir erst einmal einen Tee zu. Die erste Mediation ist in 3 Stunden. Nach dem Tee erkunde ich Koya-San und lasse mich durch die Straßen der kleinen Stadt treiben, die einen friedlichen, wenn auch touristengeprägten Eindruck macht. Wie immer verlaufe ich mich “absichtlich” und finde durch Zufall die Anlage Garan Chumon.

Es ist Zeit für die Meditation. Ein Mönch öffnet die Türen der Meditationshalle und lässt Licht und frische Luft in die Halle. Ich setze mich an einen Eingang und genieße die warme Frühjahrssonne auf meiner Haut, die kühle Luft auf meinen Wangen und lausche den Worten des Mönchs, der uns erklärt, welche Form der Mediation wir vornehmen, wie wir richtig sitzen und Haltung einnehmen. Es geht los und wir atmen 3 Mal tief ein und langsam wieder aus, schließen die Augen halb, sodass wir die richtige Balance zwischen der inneren Welt und der äußeren Welt finden und beginnen zu zählen. Der Duft im Raum und die gesamte Atmosphäre machen diese Form der esoterischen Mediation zu etwas ganz Besonderem und die Ruhe dieser Erfahrung schwebt noch Stunden danach über mir.


Um halb sechs bringt ein Mönch das vegane Abendessen auf mein Zimmer. Es sieht wunderbar aus und auch wenn ich bei der Buchung gelesen habe, was ich essen werde, habe ich es doch wieder vergessen und habe bei den meisten Gerichten doch keine Ahnung, was ich genau zu mir nehme. Die Köstlichkeiten überraschen mich teilweise in Geschmack und Konsistenz, sind aber alle sehr lecker und ich fühle mich gestärkt, für den geplanten Nachtspaziergang.


Eine Durchsage um 19 Uhr bestätigt noch einmal Zeit und Ort des Treffpunktes und ich packe mich in alle warmen Kleider ein, die ich finden kann, da es geregnet hat und aus der kühlen Brise des lauen Nachmittags, nun kalte Nachtluft geworden ist. Nob, der Mönch, der mir bereits die Einführung zum Temple gegeben hat, führt die Gruppe zum Friedhof der Stadt. Hier wandeln wir über die Steinwege, über drei Brücken und lernen viel über Shinto und japanischen Buddhismus sowie einige Anekdoten aus Nob’s Leben.

Am heiligsten Ort, dem Gokusho verschlägt es mir dann endgültig die Sprache. Ein großes und ein kleineres Gebäude umringt von hunderten, erleuchteten Laternen für die Toten, gibt dem Wald einen magischen Touch. Wir laufen alle andächtig hinter Nob her, der von der Geschichte und Bedeutung dieses Ortes erzählt. Am heiligen Tempel des Kobo Daishi angekommen, bittet Nob uns an einen Wunsch zu denken und beginnt mit kräftiger Stimme für uns zu beten. Eine nicht zu beschreibende Ruhe legt sich über uns und der Moment ist unbeschreiblich, ich werde ihn wohl nie vergessen.
Ganz befangen, verlassen wir diesen heiligen Ort und nach einigen Minuten ist die Tour beendet. Wir laufen nun alle in unserem eigenen Tempo zum Ekoin Tempel zurück und lassen die Stille des Friedhofes auf uns wirken. Völlig versunken in meine Fotografie bin ich nach kurzer Zeit die Letzte und sehe keine Menschenseele mehr. Erst bei dem Gedanken, dass ich mich gerade im perfekten Krimi-Szenario befinde, flößt mir die Dunkelheit um mich herum Angst ein und ich beeile mich nun doch, den Anschluss an die Gruppe wiederzufinden.


Zurück im Tempel strömen die meisten Gäste gen Onsen. Ich bestelle mir einen warmen Sake (japanischen Reiewein, ich wusste gar nicht wie fantastisch der schmeckt) und heißes Wasser für Tee. Ein Mönch hat mittlerweile das Bett in meinem Zimmer errichtet und ich mache mich fertig für die Nacht, während der warme Sake und Tee mich von innen wieder aufwärmen.

Das helle Morgenlicht scheint durch die Papierwände und lässt mich aufschrecken. Habe ich etwa die Zeremonien verschlafen? Wie konnte das denn passieren?


Ein schneller Blick auf die Uhr verrät mir jedoch, dass es erst 5:40 Uhr ist und ich genügend Zeit habe sogar noch ein japanisches Bad zu genießen. Um 6 Uhr schleiche ich über die Flure bis zum Onsen im Erdgeschoss und wärme mich im warmen Becken auf. Anschließend nehme ich am Morgengebet teil. Zwei junge Mönche versinken in dem Kanon ihres Gebetsmantras. Ihr röhrender Gesang ist im ganzen Körper zu spüren und auch wenn ich weder die Sprache noch die tiefere Bedeutung ihres Gesangs verstehe, lasse ich mich durch die schönen Klänge mitreißen.


In der anschließenden Feuerzeremonie tragen uns die Schläge des Gong, der Kanon der Mönche und das faszinierende Spiel des Feuers mit in eine andere Welt. Viel zu schnell ist die Zeremonie vorbei und ich befinde mich wieder in meinem Zimmer, wo das vegane Frühstück bereits auf mich wartet.

Und so gehen 20 lange und auch kurze Stunden in Koya-San zu Ende. Ich befinde mich nun wieder in Bahn Nummer 2 (Bus, Kabelbahn und Bahn 1 trennen mich bereits von diesem wundervollen Ort), auf dem Weg in eine dunkle Vergangenheit in Hiroshima.